Kirchweih in Leerstetten
Hans Volkert hat diese Geschichte wohl um die Jahrtausendwende verfasst. Auf seiner mechanischen Schreibmaschine hat er sie aufgeschrieben und dabei gleich eine Kopie mit erstellt. Dazu musste er damals ganz schön auf die Tasten drücken, damit der Durchschlag auch gelang.
Er hat sich dabei wohl an seine eigene „Sturm- und Drang-Zeit“ erinnert, die wohl in den 1950er und 1960er Jahren war. So erzählt die Geschichte auch von einer Kerwa dieser Zeit – und das voller Nostalgie.
Die Fotos hat er sorgfältig auf die Rückseite der einzelnen DIN-A-4-Seiten mit „Fotoecken“ geklebt, dies auch auf die Seiten der Kopie, so dass er alle Bilder unterbrachte.
An diesem Fest, das die Leerstetter alle Jahre am 4. Sonntag im August feien, wird deutlich, wie mehr und mehr der eigentliche Anlass zum Feiern dieser Kirchweihe durch andere Aktivitäten verdrängt wird. Die 4 Tage andauernden Feierlichkeiten haben im Grunde mit der Weihe unserer Peter- und Paulkirche nichts mehr zu tun.
Natürlich war auch der Festablauf der "Kärwa" Verhinderungen unterworfen. Die letzten 50 Jahre liefern hierfür einen schlagenden Beweis. Vor allem der Umfang des Kirchweihbetriebs ist ständig gestiegen: Begnügte man sich früher mit einem Kinderkarrussel, einer Schiffschaukel und einer Schießbude, so müssen es heute schon moderne und großräumige Fahrgeschäfte sein, z. B. ein Autoscooter oder ein anderes schnell bewegliches Instrument. Auch ein Festzelt gehört heute zum Kirchweihbetrieb.
Die damaligen Fahrgeschäfte fanden genügend Platz entweder zwischen der Bäckerei Burk und dem ehemaligen Feuerwehr-Gerätehaus an der Hauptstraße oder vor dem früheren sogenannten „Russenbauernstadel“, wo jetzt das Einfamilienhaus der Familie Distler steht. Andere Buden mit Süßwaren und Spielzeug sowie der Heringsbrater waren entlang der Hauptstraße aufgestellt. Und im Wesentlichen bewegten sich die Kirchweihbesucher zwischen den Gaststätten "Zur Jägersruh" und zum "Goldenen Lamm".
Erst die um 1965 einsetzende rege Siedlungstätigkeit vermehrte die anspruchsvollere Bevölkerung und sie veranlasste die Gemeinde, den Kirchweihbetrieb ganz in die Further Straße zu verlegen, dorthin, wo heute die Sparkasse steht.
Bald reichte auch diese Fläche nicht mehr. Die Gemeinde wies daraufhin einen Platz aus, am Ende der Further Straße, der den modernen Ansprüchen an eine Kirchweih genügt.
Inzwischen gibt es freilich nicht wenige Stimmen, welche die Kirchweih wieder mehr im Dorf
haben wollen. Und so mancher Besucher sehnt sich wieder nach dem Kettenkarussell, das die Fa Polster aus Wendelstein früher aufstellte. Dieses Karussell hatte auch den Anforderungen der Jugend entsprochen.
Angesichts der heutigen ohrenbetäubenden Musik wünschen sich viele Festbesucher wieder die Orgelklänge aus alter Zeit. Dieses Instrument hatte zwar nur wenige Melodien auf Lager, aber die Musikstücke "Heinzelmännchens Wachparade" oder "Donausagen" strapazierten weit weniger die Ohren.
Das Verhältnis zwischen Fahrpreis von damals und heute wird sich ebenfalls gewaltig nach oben bewegt haben.
Geblieben ist noch der Heringsbrater, der heute wie damals mit einem festen Kundenstamm rechnen kann, ebenso der Duft der frischgebackenen Küchlein.
Seit Jahrzehnten gestalten die Kirchweihburschen und -mädchen den Ablauf der fröhlichen Festtage mit. Zweifellos bedarf ein störungsfrei ablaufendes Kirchweihprogramm eine langfristige Vorbereitung. Deshalb treffen sich die Kirchweihburschen schon mehrere Wochen vor dem Ereignis, um ihre alten Kirchweihliedlein wieder aufzufrischen und neue dazuzulernen.
Neben dem Üben der Lieder mit Musik stehen noch andere Aufgaben im Vordergrund: So muss man sich um den Verkauf der Kirchweihlose kümmern, die zu verlosenden Preise (Tiere) müssen beschafft werden, mit den einheimischen Holzverarbeitern muss über einen möglichst hohen Erlös für den alten Kirchweihbaum gehandelt werden. Nach einem schönen Fichtenbaum müssen sich die Kirchweihburschen rechtzeitig umsehen und entsprechende Gespräche mit dem Förster führen.
Um diese Zeit bemüht sich jeder Kirchweihbursche um ein Mädchen, sofern er nicht vorher schon eine feste Beziehung eingegangen ist. Endlich hat jeder Teilnehmer an der Verlosung die ihm zum Verkauf zugeteilten Lose an den Mann bzw. Frau zu bringen.
Am Freitagnachmittag vor dem Fest versammeln sich die Burschen. Mit Schaufeln, Spaten und anderen Grabwerkzeugen ausgerüstet, um den inzwischen völlig dürren vorjährigen Kirchweihbaum umzulegen. Angesichts des immer stärker werdenden Straßenverkehrs müssen die an und für sich schon unfallträchtigen Arbeiten mit besonderer Sorgfalt erledigt werden.
Rechtzeitig am Samstagmittag kommen die jungen Männer wieder zusammen, um die schon ausgesuchte, möglichst hohe und doch schlanke Fichte für das bevorstehende Fest aus dem Revier des staatlichen oder gräflichen Forstamts zu holen. Mit einem besonders für diesen Zweck hergerichteten Wagen fahren die Kirchweihburschen mit einem Traktor und Wagen und mit den erforderlichen Werkzeugen zum Standort des gekauften Nadelbaums. Nun gilt es, den ausersehenen Baum zu fällen, ohne dass dabei seine Spitze abbricht. Passiert trotz aller Vorsicht dieses Malheur, muss die abgebrochene Baumspitze wieder - möglichst unauffällig - mit dem Stamm vereinigt werden. Mit der 25 bis 30 m langen Fichte geht es dann gut gelaunt dem Heimatort zu. Dabei werden Kirchweihliedchen gesungen und auch in ein am Weg liegendes Wirtshaus eingekehrt. Ansonst haben die Burschen genügend flüssige Speise dabei.
Noch bevor der Baum abgeladen wird, werden in seine Rinde die Jahreszahl und andere Symbole (Bierkrug) eingeschnitzt. Er bekommt zwei mit bunten Bändern versehene Kränze verpasst. Der Wipfel wird ebenfalls mit Bändern geschmückt, manchmal bildet eine kleine Fahne den Abschluss an der Baumspitze.
Unter lauten Kommandorufen wird der Baum nun in die Nähe der ausgehobenen Grube gebracht. Eine Menge Schaulustiger hat sich inzwischen am Grundstück Wellenhöfer eingefunden, um das mühevolle Aufstellen des Baumes zu beobachten und dabei auch nicht mit entsprechenden Ratschlägen zu geizen.
Das Baumaufstellen beansprucht öffentliche Verkehrsfläche und bringt deshalb alljährlich eine leidliche Verkehrsbehinderung mit sich. Während die Linienbusse weiterhin die Hauptstraße benützen dürfen, werden andere Verkehrsteilnehmer über die Schwabacher Straße und den Mittelsteig umgeleitet.
Nach 50 bis 60 Minuten mühevoller Arbeit kommt dann die schlanke Fichte unter ständigen Hau -Ruck-Rufen allmählich in die Senkrechte. Sobald der Kirchweihbaum richtig steht, wird das Grabloch verfüllt und verdichtet sowie der Stamm verkeilt.
Dann ist die Zeit angebrochen, in welcher die Burschen ihre Freude über das gelungene Werk mit verschiedene Kirchweihliedern zum Ausdruck bringen. Sie ziehen schließlich mit Musikbegleitung ins nahe Wirtshaus, um dort eine anständige Brotzeit zu halten.
Selbstverständlich haben sich die Wirte für diese fröhlichen Tage gut gerüstet. Mit deftigen Mahlzeiten bedienen sich Einheimische und auswärtige Gäste.
Für die Kirchweihburschen wartet nach dem Abendessen eine weitere Aufgabe; denn im Saal Wellenhöfer findet der traditionelle Kirchweihtanz statt, den sie und ihre Mädchen nicht versäumen dürfen. Zusätzlich müssen sie sich im weitentfernten Bierzelt sehen lassen, wenn sie nicht die Sympathien des Sportvereins verlieren wollen.
Auch hinsichtlich der Tanzmusik hat sich in den letzten 50 Jahren einiges geändert. Dank der Elektronik kann heute sogar 1 Musiker einen Tanzabend bestreiten. Früher mussten hierzu 7 bis 10 Musikanten aufgeboten werden.
Traditionelle Kirchweihkapellen waren:
- Die Kapelle "Krach-Bumm" aus Seligenporten. Sie bestritt gleich nach der Währungsreform als stärkste Kapelle den musikalischen Teil des Kirchweihgeschehens.
- Ihr folgte die Kapelle Dechet aus Roth mit dem beliebten Klarinetten-Spieler Lösel.
- Dann spielte viele Jahre die Kapelle Richter aus Schwabach in Leerstetten zur Kirchweih. Unvergessen aus ihren Reihen waren der Brauns Schorsch mit seiner Klarinette bzw. Es-Saxofon und der "Wastl" mit seiner Trompete.
Zur Unterhaltung der Wirtshausgäste waren zwei Originale aus Schwand arrangiert:
Balthasar Pfann mit seinem Akkordeon und Ernst Lorenz mit seiner Klarinette.
Seit etlichen Jahren sind die Leerstetter Kirchweihburschen in der glücklichen Lage, eine eigene Kapelle zu haben.
Vermutlich war ein großer Nachholbedarf vorhanden, als nach dem Krieg samstags, sonntags
und montags ein Kirchweihtanz stattfand. Die Tanzveranstaltung am Samstag war wahrscheinlich für die Kirchweihburschen die aufregendste, weil sie während des Tanzens gleichzeitig ihren Kirchweihbaum bewachen mussten, damit er nicht gestohlen oder abgesägt wurde. Ein solcher Schabernack war vor allem dann zu befürchten, wenn Sticheleien mit Kirchweihburschen anderer Orte vorausgegangen waren.
Nach einem "anstrengenden" Kirchweihsamstag fing der Kirchweihsonntag recht ruhig an. Die weiße Fahne mit dem violetten Kreuz aus einem der Turmfenster kündete das besondere Ereignis der Kirchenweihe an. Pünktlich riefen die drei Glocken zum Festgottesdienst. Leider folgten ihrem Ruf immer weniger. Doch seit einigen Jahren sind die Kirchweihburschen mit ihren Mädchen im Gottesdienst anwesend. Welche geheime Abmachung zwischen dem Geistlichen und den Burschen mag wohl da dahinerstecken?
Die Predigt der festlichen Feier war natürlich auf das Gotteshaus zugeschnitten.
"Wer ist es, der mir ein Haus bauen könnte "? Es soll kein Haus für Gott, sondern das Gotteshaus für die Menschen sein.
Die Gedanken so mancher Kirchenbesucherinnen kreisten während der Predigt um das Zubereiten des Festmahls. Sie konnten deshalb kaum abwarten, bis die Glocken das Ende des Gottesdienstes signalisierten.
Die nächsten drei Stunden waren dann dem Festmahl gewidmet.
Plötzlich kam Gesang und Musik näher. Die Kirchweihburschen waren mit dem Kirchweihwagen unterwegs. Auf dem mit viel Eichenlaub geschmückten Wagen saßen neben dem Kutscher die Musikanten und der größte Teil der Kirchweihburschen, während andere von ihnen dem Wagen folgten und den Schaulustigen Freibier anboten.
An früheren Kirchweihen war es in etlichen Jahren üblich, dass der Kirchweihbetz gleich am Sonntagnachmittag ausgetanzt wurde. Die Burschen und Mädchen tanzten um die Linde an der Schwabacher Straße und derjenige Bursche hatte den Betz gewonnen, dessen Partnerin den immer weiterzureichenden Blumenstrauß beim Ertönen eines Glockenzeichens gerade hatte.
Dass das Gelingen eines ziemlich im Freien stattgefundenen Festes sehr witterungsabhängig war, wird kaum bezweifelt. Leider fällt die Leerstetter Kirchweih in eine unbeständige Wetterperiode. Oft genug verregnete es mindestens einen Tag der Kirchweih, was sich natürlich auch für die Fahrgeschäfte und andere Buden nachteilig auswirkte.
Am Montag begann pünktlich um 6 Uhr der Umzug der Kirchweihburschen von Haus zu Haus.
Sie sangen, von den Bläsern unterstützt, ihre Liedlein und erwarteten dafür eine Geldspende oder Naturalien. Waren es früher mehr Küchlein, die in den großen Tragkorb verschwanden, so werden heute mehr Geldscheine spendiert. Im Gegensatz zu früher treffen heute die Umziehenden immer weniger Leute zu Hause an; denn die meisten Dorfbewohner stehen in einem abhängigen Arbeitsverhältnis.
Am Kirchweihmontag wurde es um die Mittagszeit seltsam ruhig im Dorf. Die Kirchweihburschen waren wahrscheinlich müde. Geschäftsleute und Firmenangehörige strebten um diese Zeit den Gasthäusern zu, um hier etwas Schmackhaftes zu sich zu nehmen
Später wartete alles nur noch auf den letzten Höhepunkt der Kirchweih: die Verlosung des Kirchweihbetzen und der anderen Tiere. Wenn nicht das Austanzen des Betzen um die Linde stattgefunden hatte, so geschah die Verlosung der Tiere im Saal Wellenhöfer.
Aber schon seit etlichen Jahren ist der Schauplatz der Verlosung der Tiere der schöne Hof der Familien Rühl. Eine große Menschenmenge wartet nun dort mit Spannung auf die Verlosung. Die Kirchweihburschen stehen im großen Kreis um den Auktionär, dessen Assistent ein kleines Kind ist, welches die jeweiligen Zweitlose als Gewinnlose aus einem Behälter herausnimmt. Die Verlosung wird immer wieder durch einen lustigen Tanzeinlage der Kirchweihburschen und Mädchen unterbrochen. Zuerst werden die "geringeren" Preise verlost, zum Schluss ist der Betz an der Reihe. Die Losinhaber haben die Nummern ihrer Lose fest im Kopf für den Fall eines Gewinns. Viele fragen sich dabei heimlich: wohin mit der Ente, der Gans, den Hasen oder gar mit dem Betzen, wenn ein betreffendes Los auf sie fallen sollte.
Endlich ist auch der Gewinner des Betzen ermittelt. Nach einem Ehrentanz für den Gewinner marschieren die Kirchweihburschen und -mädchen, voran die Musik und den Betzen zur Wohnung des "Glücklichen". Dass dieser auf den Lospreis noch einen gehörigen "Aufpreis" zahlen muss, ist kein Geheimnis mehr.
Nach diesem letzten Akt trifft sich Jung und Alt nochmals in einem Lokal oder - sofern es die Witterung erlaubt - in einem Biergarten und rätselt ausgiebig darüber, wie ausgerechnet dieser oder diese den Hauptgewinn haben konnte. Darüber vergessen sie fast, dass es inzwischen sehr spät geworden ist und morgen ein normaler Arbeitstag beginnt.
Den Text von Hans Volkert leicht – per Hand – bearbeitet und die Fotos mit KI – ChatGPT – restauriert und so den gesamten Artikel für das Internet bearbeitet.
Die Fotos zur Kerwa:


Abholen des Kirchweihbaumes im Wald

Kirchweihfeier an der Gaststätte "Jägersruh". Es hängen Tabakblätter an der Hauswand zum Trocknen.

Beim Schmücken des Kirchweihbaums


Mit sogenannten Schwalben wird der Baum in die Höhe gehievt.

Der Kirchweihbaum kommt ins Dorf.

Die Jahreszahl wird in die Rinde geritzt.

Halt des Kirchweihwagens mit den Kirchweihburschen bei der Gaststätte "Zur Jägersruh".

Kirchweihtanz um die Linde.

Umzug mit dem geschmückten Wagen.


Der Standort des Kettenkarrussels zwischen Haupt- und Further Straße.

Kapelle Dechet aus Roth.

Der ausgetanzte Betz wird dem Gewinner überbracht.

Nach der Betznübergabe an den Gewinner.

Auch die Alten leisten ihren Beitrag zur Belustigung der Zuschauer (Mit 40 war man damals "alt", mit 50 "uralt")


Aufstellen zum Erinnerungsfoto - ca. 1930




Ernst Lorenz und Balthasar Pfann, zwei Originale aus Schwand.

Im flotten Trab gehts Waldwärts.


Rechtzeitig wird der gefällte neue Kirchweihbaum am Samstagvormittag in den Ort gebracht.

Kirchweihburschen ziehen mit ihren Mädchen zum Betzenaustanzen



Kirchweihtanz im Freien


Die herausgeputzten Tiere warten auf ihre Versteigerung.


Am Kirchweihsonntag beherrschen Einheimische und Fremde die Hauptstraße.

Das in Schwand übliche Wagenradfahren konnte sich in Leerstetten nicht durchsetzen.

Konkurrenz aus Großschwarzenlohe

Kirchweih-Umzug etwa 1925
Schwanstetten im August 2026
Alfred Köhl
