Ein Bauernjahr

„Ein Bauernjahr von Lichtmeß bis Lichtmeß"

Von Elisabeth Engelhardt

 

Dieser bisher nur einmal veröffentlichte sowie im BR - Studio Franken gesendete Text wurde uns mit freundlicher Genehmigung der Familie Engelhardt (der Erben) zur Verfügung gestellt.

 

LieslLichtmeß - Dorf und Bewohner

 

Frühling - eine Hoch-zeit

 

Sommer - Kerwa

 

Herbst - Ernte, Krankheit und Tod

 

Winter - Weihnacht - Rauhnacht

 

und wieder: Lichtmeß

 

 

 

Früh um fünf, zu nachtschlafener Zeit, wenn das Feuer im Küchenherd flackert, bevor es losgeht im Stall, misten, füttern, melken, in dieser dusteren, abwesenden Stunde, reißt die Bäuerin den gestrigen Tag vom Kalender.

 

Der 2. Februar, Lichtmeß. Anfang des Bauernjahres, Feiertag der Dienstboten, als noch keine Maschinen die Arbeit besorgten, sondern Knechte und Mägde, die zahlreich und billig zu haben waren, entlohnt wurden fürs Jahr: Mit 60 Mark die kleine Magd, mit 80 der Großknecht, bei freier Station. Das heißt: Einen Strohsack in der kalten Dachkammer, wo die Mäuse tanzten oder einen warmen, muffigen Verschlag neben dem Kuhstall, heißt karge Mahlzeiten, und wehe den Kleinen, Langsamen, Schüchternen vor der gemeinsamen Suppenschüssel, wo dieselbe patriarchalische Rangordnung eingehalten wurde wie draußen bei den Hühnern.

Tag, an dem die Dienstboten wanderten. Ein Stück für den Kammerwagen erstanden im Landstädtchen auf dem Lichtmeßmarkt, wo ein billiger Jakob den andern mit heiserem Krächzen übertrumpfte, und von einem eigenen Kleiderschrank träumten: Wer so einen hatte, zählte bereits zu den Besitzenden.

 

Viele haben so angefangen, auch die Frau in der Küche, die nach Schulschluß in den Dienst mußte wie alle Kinder der kleinen Verrecker.

 

Wer entschlossen seine Chance nutzte, und Nutzen spielte schon immer die beherrschende Rolle, im Ruf stand, fleißig, strebsam und sparsam zu sein, ein sauberes Mannsbild oder Weibsbild, auf Schönheit war kein Verlaß, konnte irgendwo einheiraten.

Mit viel Glück auf einen großen Hof, öfter auf eine "Klitschn" oder in ein Taglöhnerhaus und hatte nie viel zu sagen als "hieg'heireter Mo" oder "hieg'heirete Frau", solange die Alten rüstig über ihre Sach wachten. Die Junge mußte sich ducken oder die Fetzen flogen, war eine billige Arbeitskraft, fühlte sich fremd, und hielt es nicht aus und lief, als wäre Matthäi am Letzten, vom Heimweh getrieben, eine halbe Stunde, eine Stunde querfeldein, durch Steckerleswald, Laubwald, über trennende Hügel um den heimatlichen Kirchturm, das heimatliche Dach zu sehn, aber sie gewöhnte sich ein, an gute und böse Tage.

 

„Wos Klaans" war unterwegs. Das Dorf klatschte. Von jetzt an gehörte sie dazu. In der telefonlosen, autolosen Zeit stand ein Pulk erfahrener Frauen am Wochenbett, Mutter, Schwiegermutter, Nachbarinnen - heute packt eine ihr Köfferchen und läßt sich ins Krankenhaus fahren.

Damals machte sich der Kindsvater auf die Socken, schwang sich in den Fahrradsattel oder spannte die "Scheesn" an, falls er zu den wohlhabenden gehörte, hetzte bei Nacht und Nebel und jedem Wetter zur Hebamme, die selten im gleichen Dorf wohnte, indes daheim im Alkoven die Wöchnerin im Kreis der Nothelferinnen gellend ihre Sünden bereute:

"O Mudder, o Mudder, i dous nemmer"

Desungeachtet folgte das zweite, dritte, vierte. Wenn sie die alljährliche Prozedur auf Leben und Tod heil überstand, wurde das Dutzend voll, aber meist überlebte nur die Hälfte sämtlicher Roßkuren bezüglich Ernährung und Hygiene im Säuglingsalter und später die unvermeidlichen Kinderkrankheiten.

 

Lebensumstände, denen gallbittere, zänkische, keifende, herrische, boshafte, haßsüchtige bigotte Weibsfurien entschlüpften und Grobiane, Säufer, Faulpelze, notorische Schürzenjäger. Manche fand sich ab mit ihrem stolzen Gockel, wer dumm fragte, wurde kurz abgefertigt: "Ich bin di Frau - döi is blouß ess Mensch!" Manche ging auf in der tragischen Rolle des Martyriums und wurde heimisch in der Salzsäure des Erduldens: Die feierliche Formel:

„Bis der Tod euch scheidet" wird nirgends ernster genommen als bei eingesessenen Dörflern. Die anderen, die Gutmütigen, besorgte Glucken, Sippen, die zusammenhielten wie Pech und Schwefel, Leute, die sich durchschlugen, schlecht und recht, sie gibts auch - was aber nicht an die große Glocke gehört.

Sie hören es nicht gern und sind gekränkt, wenn ihr Dorf Nest genannt wird oder Kaff. Was anderes ist natürlich, wenn sie selber so sagen -da ist auch niemand gekränkt.

 

Ziehbrunnen

 

Ein dreckiges, verrammeltes, vernageltes Kaff, hat keine asphaltierten Straßen, dafür Schlaglöcher, Wasserlachen, Staubwolken. Kennt weder Wasserleitung noch Kanalisation, aber hölzerne Ziehbrunnen, bemooste Brunnentröge. Misthaufen, gleich neben den Haustüren, stinken still vor sich hin. Es hat keine Schule, keinen Kindergarten, aber das Wirtshaus ist unentbehrlich. Keinen Kramladen, Metzger- oder Bäckerladen, aber Schweineställe, aus denen es grunzt und quieckt. Hat Backöfen, über denen Hollerbüsche zusammenschlagen, morsche Gartenzäune, drüben kümmerliche Spinatbeete, herüben prächtige Brennesselkulturen. Verkrebste Holzbirnbäume, Nußbäume, Roßkastanien, Linden umstehen wie unverwüstliche Urgroßväter Gehöfte, die alle etwas verschlampt wirken, schläfrig, verkommen, und ohne die geringste Spur des Ehrgeizes ihrer vom Fortschrittsdrang beflügelten hochaktiven Gegenstücke, leicht sterile Paradeplätze, blitzend vor Sauberkeit und frischer Farbe nach der Parole: „Unser Dorf muß schöner werden!"

 

Das erste, was zu sehen ist, lange bevor irgendwelche andere Gebäude ins Blickfeld geraten, zwischen Bodenwellen, Gebüsch und gescheckten Fluren, der Kirchturm, eine Pickelhaube oder gedrungen wie der Turm einer Festung oder lanzenspitz, mit einer Kugel obenauf, Wetterfahne, Wetterhahn, dem kupferblechgestanzten Gockel, der keine Drehung in den Wind, nicht einmal in den Sturm beschreibt, weil er eingerostet ist, es verrenkt sich auch keiner den Hals, um zu sehn, woher der Wind weht.

 

alte PostkartenansichtDer Mesner steigt viermal am Tag, zum Gebetläuten früh, abend, Elfuhr- Zwölfuhrläuten hoch hinauf und betrachtet vom Läutboden oder Glockenboden die kreuz und quergestreckten, verschachtelten, steilen, verwitterten und brandrot ausgebesserten Dächer. Fränkische Dörfer sind eng zusammengebaut - man reibt sich aneinander wie eben in einem Nest.

Der Bick schweift aus der schmalen Luke der Kirchturmperspektive über Täler und Wald und Flußläufe und benachbarte Kirchtürme zum Horizont. Wo der Horizont endet, endet schon die Welt, eine überschaubare, abgeschlossene, durch und durch erforschte Welt, allen Fernsehantennen zum Trotz, eine Hinterwäldlerwelt.

Was einmal als Zurücksetzung empfunden wurde, hier zu wohnen, zu leben, stellt sich mehr und mehr als Vorzug heraus.

Mit Beginn des Frühjahrs, dem Tauwetter, setzt schlagartig hektische Bautätigkeit ein. Um stadtnahe Dörfer liegt ein Ring neuer Siedlungen, Reihenhäuser, Einfamilienhäuser, Bungalows. Im weiteren Umkreis wird laufend Baugelände ausgewiesen, entsteht neben dem alten Dorfkern die Miniaturstadt, Schlafzimmer für ein paar tausend Menschen, die sich vom Trubel der Städte absetzen wollten, aber die Stadt folgt ihnen aufs Land.

In bescheidenem Umfang wird Industrie angesiedelt. Man wehrt sich noch gegen Großobjekte. Der Alptraum einer Fabriklandschaft rückt näher. Manche Gemeinde würde, angestachelt von kapitalschweren Baugesellschaften, ließe man sie gewähren, mit Hochhäusern und Wohnwaben auftrumpfen.

Das alte Dorf paßt sich an. Unbarmherzig fallen die alten Hütten, die malerischen Gemäuer, hinter denen sichs unbequem wohnt. Winzige Kammern, finstere Stiegen, zugige Fenster, Schwamm in den Fußböden, der Holzwurm in den Möbeln, im Gebälk nur teilweise unterkellert, miserable sanitäre Verhältnisse, feuchte, dumpfe Ställe, wimmelnd von Fliegen.

Im Neubau wird von vornherein eine Mietswohnung eingeplant, sie bringt Geld. Wo der Platz es erlaubt, eine Terrasse, Balkon, große Fensterscheiben, Jalousien, metallene Haustüren, per Knopfdruck zu öffnen, Kunststoffböden. Holz, das aus dem Überfluß einmal verschwenderisch hineingezimmert wurde, ist fast unerschwinglich, sogar für Waldbesitzer.

Aber dahinter steckt auch der Wunsch nach einem ganz anderen Haus als das alte war. Doch das ist keine Frage des Wünschens, nur einer unter andern Aspekten jener unaufhaltsamen Veränderung innerhalb eines knappen Menschenalters, die man begrüßen, oder bedauern kann.

Fachwerkbau, handwerkliche Sonderanfertigung statt serienmäßiger Herstellung würde Individualisten bald an den Bettelstab bringen. So wurde die typische Bauform einer Landschaft, ihr Charakter aufgegeben für die stupide, überall passende Uniform - der gleiche zweckmäßige Neubau steht in jedem beliebigen Land, ob Niedersachsen, Hessen, im Rheinland, im Badischen oder sonstwo.

Kommt jemand von dorther, von weither, imponiert es dem Dörfler wohl. Ihn selber ziehts kaum in die Ferne, er würde nicht aufgeben, was er hat: Sein Dorf.

 

Während im Schlepptau der Städte ameisenemsig neue Schulgebäude entstehen, die in wenigen Jahren wieder zu klein sind, Supermärkte, Sparkassen, Banken, Kanzleien, liegen abseits, unbeleckt vom schnellen Wohlstand wie eh und je verwitterte Häuser, dumpfe Ställe und halbverfallene Scheunen, Teil der Landschaft, unendlich langsam und betulich herangewachsen.

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Frühling

 

Der Bauer ist nicht verliebt in die Natur. Ist eher verheiratet mit ihr und ihren Launen ausgeliefert, kargen wie fruchtbaren Böden und allen Wettern und behauptet seinen Arbeitsplatz, der keine Sentimentalität aufkommen läßt. Vorbereitungen zum Ausbringen der Hackfrüchte im zeitigen Frühjahr, wenn morgens Märznebel aufsteigen, die nach genau hundert Tagen wieder herunterfallen als Regen oder Gewitter, mitten in der Heuernte, wo sie am wenigsten erwünscht sind. Säubern der Wiesen vom ausgedörrten Strohmist des vergangenen Herbstes, ackern, düngen, immer wieder mit Superphosphat, Kalkstickstoff, Ammoniak, früher mit der Hand, heute, wie bei anderen Arbeitsgängen auch, maschinell. Chemische Zutaten, ohne die es höchstens zu Mißernten reichen würde, unerläßlich zur Unkrautbekämpfung.

Wässrige Sonne, Dunstschleier, Krähenschwärme am Himmel, die in junge Saaten einfallen, Erdfarben dominieren im grauen Licht, umbra, ocker, das violette und caput-mortuum getönte Filigran der Sträucher, Weiden, die aufbrechenden Kätzchen der Salweide, büschelweis herabhängende Birkenruten, ohne Flaum noch fast über Nacht begrünt, kahle Eichen, Buchen, Eschen, Inseln zwischen dunklen, immergrünen Nadelhölzern.

Unruhiger Frühling, Unruhe der Paarungszeit.

Froschlaich in den Bächen, Weihern, winzige schwarze Pünktchen im Gallert, aus denen Kaulquappen schlüpfen, das Wasser wimmelt von winzigen Larven. Keckern der Igel, die nachts munter werden, von Ausrottung bedroht, nicht, weil sie bei Zigeunern als Leckerbissen geschätzt sind, sondern durch Autofahrer, denen es leid tut.

Heimkehr der Stare, Heimkehr der Störche, der wenigen, die noch hier nisten, einmal durchs Gras stelzten zum Weiher Frösche fingen, ohne Scheu vor Menschen, ein Anblick der selten geworden ist.

Heimkehr der Schwalben. Beinahe Haustiere, die im Stall, im Hausflur ihre Nester an die Wand kleben, Glück verhießen, das bißchen Mist auf den Steinfliesen störte niemand. Aufgeregtes, flügelschlagendes, närrisches Gezappel, Geschrei, lautstarke Begrüßung, der Liesl mit kleinen Kätzchenabenteuerliche Reisebericht, wie's geht und wie's steht, fast andächtig hört sich die Bäuerin den Freudenausbruch des Pärchens an. Alarm und Kampfruf, wenn der Todfeind anschleicht, augenfunkelnd, unhörbar, der Haustieger, der große Mäusejäger, der nie zum Domestiken wurde, nie das Los aller Haustiere teilte, Kette, Stall oder Zaun und am Schluß die Bratpfanne. Der Kater träge, sieht beutelüstern hinter allem her, was sich rührt. Irgendwo im Stroh versteckt oder unterm Dachboden an unzugänglicher Stelle ein Wurf junger Katzen und wenn sie entdeckt wurden, Anlaß kleiner Familientragödien, Kindertränen um heißgeliebte Spielgefährten, früher wurden sie ertränkt oder erschlagen, heute läßt man sie einschläfern oder die Alte kastrieren. Hundeleben der Haustiere. Ein Wauwau an der Kette, der sich mit der Katze abgefunden hat, gewohnheitsmäßig dem Briefträger an die Beine springt, überraschend aus der Hütte, die alle heilige Zeiten mit frischem Hundsfarn ausgelegt wird, probates Mittel gegen Flöhe. Zu den Selbstverständlichkeiten gehört es nicht mehr, das wölfische Geheul, Gejaule einer durstigen, ungezieferstrotzenden, seelenvoll dreinschauenden, zähnefletschenden Kreatur von undefinierbarer Herkunft. Wer was auf sich hält, hält sich einen Schäferhund, reinrassig, der im Haus wohnt, scharf, und meist erfolglos bewacht vor läufigen Straßenkötern.

Zuerst verschwanden die Ferkel, dann die Hühner unter der Ofenbank um den riesigen Kachelofen, dann die Kachelöfen selber, dann das Schlupfloch neben der Haustüre für Hund und Hühner, danach die alten Haustüren mit gewaltigen Schlössern und mit aufklappbaren Oberlichtem, Einflugschneise für Schwalben, dann die Schwalbennester im Flur. Eines Tages, vielleicht bald, kommen die Kachelöfen wieder, die hölzernen Haustüren, diesmal als Zeichen des Wohlstands, nicht der Armut.

Wo von Frühling und Frühlingsgefühlen die Rede ist, gehören Hochzeiten und Kindstaufen hin. Tunlichst in der angegebenen Reihenfolge - nacheinander. Der Pat oder Duud spielt bei der Kindstaufe die wichtigste Nebenrolle. Eine Ehre, die auf Gegenseitigkeit beruht, wo käme man sonst hin.

Reicher Kindersegen erweist sich als problematisch, wenn die nächste Verwandtschaft schon bedacht ist, und weiter entfernte ins Auge gefaßt werden muß. Ablehnen darf einer tragene Ehre nicht, aber "vuur anerer g'nöitn Woa", d.h. aufgenötigt, will man das Bobberla möglichst bewahren.

Der Pat' gilt nach kirchlichem Verständnis als Garant christlicher Erziehung, nach ländlichem "dermit ess Klaa zo seiner Woa kumnt". Seine "Woa" sind Geschenke, mit dem "Duudndaler" beginnend, früher ein Fünfmarkstück, das dem "Duudla" ins Taufkissen gesteckt wurde, heute gibt mans nobler mit einem Sparkassenbuch, und Geschenke zu Weihnachten, Ostern, Geburtstag, Konfirmation oder Kommunion - erst am Hochzeitstag läßt man "Duud" letztmals zur Ader.

Von den drei ragenden Gipfeln des Daseins: Geburt, Hochzeit, Sterben, weiß der Mensch nichts vom ersten, will nichts wissen vom dritten, aber auf dem zweiten läßt er die Puppen tanzen. Es raucht in der Küche. Wird gemetzelt, gebrutzelt, gebacken, gebraten, der Schmaus ausgetragen, Kuchen und Küchla. Wer einen zu erwarten hat, hält sein Geschenk parat, ganz Schlaue ein zweites Reserve, ein großes für den großen, ein kleines für den kleinen Schmaus.

 

Hochzeitszug zur KircheDie Neugierigen an der Kirchenchenpforte, die sich nichts entgehen lassen, taxieren die Braut, wie schön und wie teuer, ob sie schicklich weint, regnets ihr in den Kranz, bedeutet es Glück, wenn die Sonne scheint, bedeutet es auch Glück, wenn sie stolpert, hat es nichts Gutes zu bedeuten, und wenn der Bräutigam umschaut, so schaut er nach einer anderen, und vor der Kirchentür wartet ein Kinderhaufen sehnlich auf den Augenblick, wo die Braut mit vollen Händen Geld auswirft: Wer nicht als "Pfennigbraut" verschrieen sein will, wirft, auch wenns schmerzt, kein Kupfer ins Volksgetümmel.

 

Die Köchin kredenzt auf der Schwelle des Hauses den Wein, wer das Glas zuerst leert, hat später das Kommando im Ehestand, was eine sittsame Braut ist, hält sich darin zurück. Vierzig oder sechzig Hochzeitsgäste sind abzuspeisen. Nach dem ersten Gang wird, manchmal noch, zeremoniell "über den Tisch" geschenkt, was die Stimmung anheizt, später erscheint, abgekämpft mit Leidensmiene und verbundener Hand, an der Seite eines Gastes die Köchin.

„Es is a Unglick bassiert" läßt sich der Begleiter vernehmen und schickt einen Sammelteller in die Runde, "mier kenner nemmer weiterdou, di Kechi hout di Hend verbrennd!"

Heute wird gewöhnlich im Wirtshaus getafelt. Schnellheilende Wunden dieser Sorte sind im Preis inbegriffen. Aber die Tour der entführten Braut vom obern bis zum untern Wirt besteht nach wie vor, der Bräutigam leuchtet ihr heim, besenschwingend, mit Sturmlaterne und Musik.

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Sommer

 

Im "Gärtla", dem Blumen-, Gemüse- und Kräutergarten, Heiligtum der Bäuerin, haben die Pfingstrosen verblüht, Feuerbohnen klettern die Stangen hinauf, der Kopfsalat schießt, über sorgsam gejäteten, begossenen Beeten, Wirsing, Rosenkohl, Blumenkohl, torkeln verspielt, und sehen dabei ganz. harmlos aus, die Kohlweißlinge.

Das Gras steht frech und saftig, Schafbockskraut, Hahnenfuß, Klee, Margariten, die wolligen Kugeln des Löwenzahns, Samen an putzigen Fallschirmen, längst vom Wind über die Wiese geblasen.

Bei der HeuernteDie Heuernte kündigt sich an. Zunehmende Nervosität, mit erhöhter Aufmerksamkeit lauscht man den Wetterpropheten vom Nachrichtenansager bis zum Zipperlein.

Blauer Himmel, taufeuchte Morgen, während sie Futtergras mähen, aufladen wie alle Tage, legt ein Traktor, die Messer des Messerbalkens frisch geschliffen, eine Mahd um die andere nieder.

 

Alarm. Wenn's der erste riskiert, riskieren's die ändern auch. Oder sollten sie doch lieber abwarten bis zum Abend, bis morgen früh?

Sicher, die Heuernte gleicht nicht mehr ganz dem jäh ausgebrochenen nationalen Notstand, nur halb so wild aber noch wild genug. Niemand, außer leichtsinnigen Tröpfen und notorischen Faulenzern würde im Zeichen der heißen Junisonne und Gewitterschwüle den Feiertag heiligen.

Hetze, Hektik bis "ess Fouder" taugt, von einer Wiese zur nächsten, vom Dürren ins Grüne, im Acker ersticken derweil Kartoffeln und Rüben im Unkraut, müssen gehackt werden, wer nicht auf der Wiese gebraucht wird, und heute ersetzt eine Maschine ein halb Dutzend Leute, fährt und rennt auf den Acker.

Unter sengender Sonne, Unmengen Grashüpfer, grüne Heupferde, die "Schreckn", und stechendes Geschmeiß, blinde Mücken, Schnaken, Bremsen, fliegende Ameisen, ausschlagende Kühe, Ochsen, Pferde, denen Blut übers Fell tropft, Schweiß, Durst, Insektenstiche, es gehört alles zum herben Geruch der Heuschwaden wie heute das Dieselöl.

HeuwagenLadewagen statt Leiterwagen rasseln vorbei an stillen Weihern, die nur um ihrer selbst willen da sind, Seerosen bedeckt, Iris am Ufer und Schilf, Libellen: Aber keiner springt hinein, um sich abzukühlen, keine Kinder plantschen, keiner striegelt sein Pferd, keiner schöpft ein Odelfaß voll Wasser, um Pflanzen zu gießen, keine Brombeerwildnis ringsum, dafür weithin sichtbar eine Tafel des Pächters, der hier Karpfen züchtet: „Betreten verboten, Baden verboten, Autowäschen verboten".

Pausenlos rollen Heufuhren in die Scheunen, greifen Heuaufzüge mit Baggergebissen vom Giebel herab in die Ladung, befördern sie zum Heustock hinauf.

Wehe der Himmel verfinstert sich. Wenn das Heu halbwegs dürr ist, wird es auf „Böck" oder Schwedenreiter geworfen, wo es ein paar Tage unbeschadet hängt, notgedrungen, falls es regnerisch bleibt, ein-paar Wochen hängen muß. Eine zeitraubende, ärgerliche Arbeit.

Schlimmer, wenn das Futter breit auf der Wiese liegt, keine Nachtschwaden, keine Schober, seine Farbe verliert, anbräunt, eher stinke als duftet und langsam fault.

"Iss nooß wur' n, trösten sich die Philosophen, "werds a Widder drucke`n' - und soviel steht jedenfalls fest: "Mier fressns ja net!"

 

Irgendwann zwischen Himmelfahrt und Christkönigsfest oder „Allerweltskerwa", wie der Tag des Schutzpatrons fällt, feiern die Dörfer ihre Kirchweih.

Kerwabuam mit dem BaamAm Samstag stellen die Burschen den „Bamm" auf, eine himmellange, kerzengerade Fichte, entwickeln ungeheuren Durst und eine ebensolche Sangeslust:

"Heit' is Kerwa, morng is Kerwa, iewermorngn in' ganzen Toch, tanzt der Wirt mit seiner Werti z`ieberscht drom in Taumschloch."

Ungeachtet andrer Festivitäten der Sangesbrüder, Feuerwehr, Sport- und Kriegervereine, Jubiläum oder Fahnenweihe mit viel Volk, viel Aufwand, Umzügen vor geschmückten Häusern, Tanz, Radau, Musik im Bierzelt und mordstrumm Räuschen, gehts an Kerwa noch lärmender zu und ausgelassener, als dem tolerantesten Heiligen recht sein kann,

Würdig streben die Gemeindeglieder Sonntagfrüh beim "Zammlaitn" vorbei am noch überdeckten Karussell, an Schiffschaukeln, Schießbuden zum Gotteshaus, Johannes, Bartolomäus, Laurentius, Peter und Paul zum Gedächtnis.

Hören Ermahnungen an, schläfrig in der angestammten Bank, ohrhinein, ohrhinaus. Gebet um Gutwetter, Gesundheit, langes Leben, dazu werden die Kinder angehalten, danach haben sich die zahnlosen Großväter, Großmütter gerichtet in den alten, festen, zum selbstverständlichen Refugium gewordenen Mauern.

An einem so besonderen Tag, von Orgel, Kirchenchor, Posaunenchor beeindruckt, versetzen sie möglicherweise ihrem Herzen einen Stoß und lassen, ohne daraus eine Gewohnheit machen zu wollen, ein „Fuchzgerla", eine Mark in den Kirchenbeutel fallen.

Auf dem Heimweg riechts weltlich aus jedem Küchenfenster nach Schweinebraten. Die gute Stube füllt sich mit Verwandtschaft.

Der Bummel über die Kerwa endet im schattigen Wirtsgarten, direkt an der Dorfpromenade. Sie erzählen von früheren Zeiten, wo fast alles besser, alles schöner war, nicht so gut und schön, daß man's nochmal haben möchte, von früher, als das fröhliche Fest nicht ohne Blutvergießen abging: Das ergab sich spontan, von einer Sekunde zur anderen oder war von langer Hand vorbereitet, ein alte Rechnung, die noch offenstand, mitten im Drehorgelgedudel der Schlachtruf: "Hopp! 'Raff'n demmar!"

Tiefe Rührung befällt manche verwelkte Maid bei der Erinnerung an verflossene Rivalenkämpfe, und schieres Mitleid ergreift sie mit den Jungen, die nicht im Traum um einen Schatz raufen.

Die vorbeiziehenden Kerwaleit werden in Augenschein genommen, ein bekanntes Gesicht hin und wieder, die "Asserwertin", Hinausgeheirateten. Momentanes Erschrecken, lautstarke Begrüßung: "Groißdigodd, Gerch, bannah häittidi nemmer kennt, goud schaust aus, wöi gaihts der nou allerwal? Dabei verspürt sie einen leichten Stich in der Herzgegend: Allmächticherna, sua dadderts Hutzelmennla is der etzerla wur'n'. Und er: "Dou scha her die Rettl! Mier gäihts net schtecht, un du bist goanet ötder wur'n!" In tiefen Gedanken: Ojessersna, a gscheid alds Trumm is etzerla, un woa amal sua Äidibritschn!

 

Auch der Montag, der zweite Feiertag, ist nicht mehr, was er war. Kein Weckruf der Musikanten, viele müssen "in di Ärwert", aber nachmittags dreht sich das Karussell, wedeln die Heringsbrater wie einst. Kann sein, die "Kerwaboum" fahren den "Kerwawong'n", johlend, heiser und sternhagelvoll, tanzen den "Bätzn" aus - für den glücklich - unglücklichen Gewinner ein teures Schaf, und es wird weiter gesoffen, getanzt und gesungen:

"Gestern is der Gieger gfreckt, heit scho widr' a Henna, hout der Knecht die Maad derdrickt, druntn lichts in Denner..."

 

Liesl beim GarbenaufstellenIn den Hundstagen sterben die Körner, Gerste, Rogggen, Weizen, der Hafer zuletzt. Verabschiedet haben die fleißigen Schnitter, die Garbenbinder einer Idylle, die es nie gab, dafür unvorstellbare Schinderei, schmutzverklebte Augen, Lippen, entzündete Haut, Rißwunden, Kratzer, und vorbei die malerischen Reihen der Kornmandl im Gelände über Hügel und Senken.

 

Große Höfe können sich einen Mähdrescher leisten, gewöhnlich tun sich drei oder vier Bauern zusammen, oder man fährt "Lohndreschen" - anderfalls würde sich der Kauf einer Maschine, die etwa vier Wochen des Jahres eingesetzt wird und je nach Modell und Leistungsfähigkeit runde 35 000 Mark und mehr kostet, nicht rentieren. Zu ihrer Bedienung reicht ein Mann - der Fahrer. Nur die vollen Säcke sind noch aufzuladen. Das Ungetüm wird fertig mit Bindling, Disteln, vom Unwetter plattgewalztem Feld, wenn die Halme trocken, die Ähren überreif sind. Fatal ist nur, daß bei kurzem Sonnenschein zwischen einer Schlechtwetterperiode alle zugleich drankommen möchten. Durchschnittlich zweieinhalb Stunden sind für einen Hektar zu rechnen, der Tarif, liegt bei 130 Mark- aber ein weiterer, gefürchteter Arbeitsgang, das Dreschen, ist eingespart

Als anfangs der Dreißigerjahre die ersten genossenschaftlichen DreschmaschinenBeim Dreschen mit der Dreschmaschine aufkamen, ohne Strohpresse, vorher noch ein kleiner Teil im Takt der Drischel zu Bandstroh gedroschen werden mußte, hielt so ein Museumsstück seine 12 bis l5 Sklaven auf Trab. Zu keiner Arbeit wurde lästerlicher geflucht als in den dicken Staub- und Siedewolken der brummenden Dreschmaschine. An keiner anderen Feldfrucht hing soviel Mühe, soviel Schmutz, und Schweiß wie am Korn, keine andere war so geheiligt, so befrachtet mit Mythologie und Legenden. Man läßt nichts umkommen, es wäre Verschwendung aber Brot wegwerfen ist Sünde.

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Herbst

 

Im "Gärtla" stehen Dahlien, Zinnien, Malven in voller Blüte. Zum letztenmal kröpfen sich die Stare in Birnbäumen, Zwetschgenbäumen. Lichtleitungen biegen sich unter palavernden Zugvögeln. Maria Geburt. Nun fallen die dürren Kartoffelstauden auseinander. Die Knollen sind reif. Wer sie noch heraushakelt, Stunde um Stunde, wird mitleidig belächelt. Weit schneller, wenn auch weniger gründlich, schleudern die stählernen Zinken des Grabers, und sei es ein uraltes Modell, die "Bodackn" heraus, nur in Körbe und Säcke hüpfen sie nicht von selber, das geht knierutschend, bucklig und kreuzlahm nach alter Weise.

 

Eins der herrlichsten Kindervergnügen, "Feierla schürn" durch beißenden Qualm springen, Kartoffeln drin rösten, die rauchig schmecken und am Tisch daheim nur "verbrenndi Äppier" wären, das gilt heute als anrüchig. Seit Umweltschützer eine Verschmutzung durch Kartoffelfeuer entdeckt haben, kanns passieren, daß die Landpolizei sich für solche Rauchsäulen am Herbsthimmel interessiert.

Aber wer füllt noch umständlich Weidenkörbe mit der Hand? Vollernter fahren aufs Feld, schwerfällige Apparate mit einem beachtlichen Aufgebot an Hilfskräften, die ungemütlich sitzen, doch immerhin sitzen und sortieren. Steine, die alten Saatkartoffeln und Kranke, die bald faulen würden. Der Landmaschinenhandel bringt Sammelroder und Vollernter auf den Markt mit einem Sammelbunker zwischen 20 und 40 Zentnern, mit Steintrennaggregat, Verleseband und Sortieranlage - nur Geld muß man hinlegen können, von
10 000 DM für die einfache Ausführung bis über 20 000 DM für die großen Wühlmäuse.

Kartoffelfuhren zur Stadt, Getreidefuhren zur Mühle - das Geld für die Ernte beginnt endlich zu rollen. Es muß gewaltig rollen, allein für den Maschinenpark. Aus dem Schmied von anno dazumal wurde der Landmaschinenhändler, aus der Schmiede, schwarz wie die Höll, teuflisch nach verbrannten Hufspänen stinkend, eine Reparaturwerkstatt.

Im Zug der großen Wachablösung, Maschinen anstelle der Dienstboten, der Stube voll Kinder, unbestrittener Arbeitserleichterung, Zeitersparnis, verstärkt sich der Zwang, immer höhere Erträge herauszuwirtschaften.

 

Heute kostet ein Kippwagen rund 5 000, ein Ladewagen 10 000, 15 000 ein Traktor mit 45 PS und es geht hinauf bis 50 000 und mehr für den Arbeitselefanten mit 100 PS. Doch der Traktor, als einzige Maschine ganzjährig im Einsatz, wächst aus dem Geld hinaus, die alten Ochsen wuchsen hinein.

Große Anschaffungen gehen oft auf Kosten der Substanz, durch Baulandverkäufe. Der Nebenerwerbslandwirt füllt seine Lohntüte anderwärts - und gibt irgendwann den rührenden Versuch ganz auf, ein sterbendes Bauernanwesen am Leben zu halten.

 

Statt eines "Metzn Dreek" im Jahr zur Erhaltung der bäuerlichen Gesundheit, verläßt man sich heute doch lieber auf den Arzt und ist krankenversichert. So wörtlich war die böse Bauernregel vom "Weiberschter' m is ka Verder' m - obber Viechverreck `n, dess macht Schreckn" zwar nie zu nehmen, auch wenn sie sich reimt, aber man lief nicht wegen eines jeden "Wäihdings" zum Doktor.

Schließlich gab es Heublumen im Stadel, die man einfach zusammenkehrte, zum Bad überbrühte, gab Kamille, gab den wundertätigen Hollerbusch, in evangelischen Landstrichen die Frau Pfarrer, von der man Pillen, Tropfen, Verbandszeug und selbstverständlich tröstende Worte erwarten durfte, gab den "Boder", der neben Haarschneiden in seiner halbwegs legalen Praxis Zähneziehen besorgte, Blutegel ansetzte, Furunkeln aufschnitt, es gab die Geheimwissenschaft einer Nachbarin, die hohes Fieber mit gezuckertem Kuhdreck bekämpfte und heilkräftige Ameisenhaufen, die Gicht und Rheuma kurierten, wenn man sich ausgiebig drin wälzte.

Viele Chancen ließen sie dem Doktor nicht. Sie bedachten zu lange die Kosten und holten ihn, wenn's zu spät war. Nach der Methode: „Iss vo selber kumma, mouß vo selber göih" gingen sie dann auch, und mit jedem sanken hundert saudumme Redensarten, tausend Geschichten ins Grab.

 

2 PS LeichenwagenWenn sie ihre Toten hinaustragen, und Ruhe ist, endgültig, und beruhigt kann einer die Augen zudrücken, bei dem Haus, Hof und Stall in Ordnung sind, beteiligt sich das ganze Dorf. Es rückt jeden, ob unscheinbar oder scheinbar etwas gewesen ist, zum letztenmal in den Mittelpunkt.

Männerleich- oder Weiberleich', man erkennts an der Prozession hinterm Sarg, an Vereinen, die hinterdrein marschieren.

Die Leute zucken zusammen, wenn Böllerschüsse, Salven über die Grube des Veteranen donnern, gerührt lauschen sie dem Vereinsvorstand, der seine Rede aus der Mütze liest, freuen sich insgeheim immer wieder, wenn einer den Kranz am Grab niederlegt. Auf dem Weg nach Haus nehmen sie ein paar Leichnbrezn beim Bäcker mit für den Kaffee, die Musik, die Männer ziehen ins Wirtshaus, wo der Leichenschmaus hergerichtet ist, weil das Leben sein Recht verlangt, auch vor dem Tod.

Leichenzug zum Friedhof

Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag, Novemberschwermut, Nebel, Finsternis, die nicht weichen will, voll düsterer Trauer, Gedanken der Vergänglichkeit.

Gedenken der Toten, die man kannte. Der Unbekannten: An den jungen Schäfer, der sich in seinem Karren erschoß aus Liebeskummer. An die Russen, die sich im Rübenloch versteckt hatten, erschossen wurden aus Versehen, Jagdeifer oder Angst, ein Jahr später exhumiert und fortgebracht, an den Soldaten, von einer Panzergranate zerfetzt in den allerletzten Kriegstagen, der später ebenfalls aufgegraben und nach Haus gebracht wurde.

Es ist alles daheim, was heimgehört. Ist geackert, gesät, man muß warten. Und in einer Nacht schneit es die geschmückten Gräber und roten Ampeln, die Fichtenzweige, Herzen aus Moos, die Chrysanthemum, die wächsernen Kunstblumen, Immortellen, schneit alles zu.

Die Kinder warten, sind plötzlich kleinlaut geworden, auf den Pelzmärtel, Nikolaus, Gestalten, die man gern kommen und noch lieber verschwinden sieht.

Erst vereinzelt, bald ein Chor, bimmeln Schellen durchs Dorf bei Anbruch der Nacht. Nur die Großen, Mutigsten wagen sich aus dem Haus. An so einem gefährlichen Abend suchen die aufgeklärten Enkel den Schürzenzipfel der Oma, atmen erst wieder auf, sind genauso frech wie vorher, nachdem der Vermummte den Sack ausgeleert, niemand reingesteckt hat und hinausschleppt in den Wald. Was die Großmutter sowieso nie zugelassen hätte, die ihre Bankertn wie eine Glucke beschützt: "Douner nix, döi sen brav" oder in anzüglichem Ton: "Fraali, Anderleitskinner rumschloog' n, nix dou, schlooch deini!"

Das Auftreten des wilden Mannes gleicht heute mehr einem verfrühten Faschingsscherz, und vom Christkind wissen die "Kinner", daß die Geschenke aus dem Kaufhaus stammen und viel zu viel Geld kosten.

Die Zeit bis zur Erfüllung hochgeschraubter Erwartungen und Geheimnisse, die schon erraten sind, will nicht herum.

Weißkraut wird fein gehobelt, Schicht um Schicht gesalzen, der Vater trampelt barfuß im Krautschaff.

Schmalztöpfe sind leer, die Säue fett. Bei Tasgesgrauen strebt in weißer Schürze, gestreifter Bluse, der Brandmetzger einem Schweinestall zu. Kein Morgen vergeht ohne schrilles Quieken, Blutrühren, irgendwo wird im Brühtrog gebrüht oder mit brennenden Strohwischen gesengt, irgendwo dampft im Wurstkessel die "Metzlsuppn".

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Winter

 

Jetzt spielt sich die Arbeit vorwiegend in Haus, Hof und Wald ab. Waldarbeit über den ganzen Winter: Bäume umgraben oder abschneiden, mit einer elektrischen Säge. Wie geschmiert, ausasten, entrinden oder schälen, schecken, scheppsen. Im eigenen Wald oder als Nebenverdienst im Auftrag des Forstamts und früher im "Herrenwald" nach Althergebrachten Rechten. Rechte, die mitunter auf seltsame Weise zustande kamen. Da hatte, erzählen die Alten, "iich soll aff der Schtell doud umfalln wenns net wour is", ein wilder Nürnberger Patriziersproß das Butterfass einer Bäuerin zweckentfremdet als Klosett und prompt wurde die aufgebrachte Familie mit Nutzungsrechten "für ewige Zeiten" entschädigt. Ewige Zeiten haben auch ihre Grenzen, die "Rechtler" samt und sonders wurden, auch ewig, vom Freistaat abgefunden.

 

Eis erntenIst ein Wetter, wo man keinen Hund hinausjagen mag, sammeln sich die Treiber zur Jagd. Während sie in breiter Kette durchs Holz schwärmen, brüllend, hechelnd, hinter Böcken, Hasen, Fasanen die Flinten losgehn, hält man Ausschau, ganz nebenbei, nach. einer schöngewachsenen Fichte, dem "Bamm".

Einem Christbaum, der heute allgemein beim Forstamt gekauft wird für ein paar Mark. Manche ziehen trotzdem noch das "Baumschtühln" aus dem Staatswald vor. Trationeller Männersport, wenn dem Vater die Knie schlotterten, schlich die Mutter zur Dämmerstunde hinaus, das "Häckla" unter der Schürze versteckt. Ängstliche Gemüter rückversicherten sich beim Besitzer eines Fichtenschlags: "Gell Vedder, wenns mi derwischn, soochi, der Bamm is vo eiich." Der Vetter nickte verständnisvoll, die "Fraa Boos" trau-schau-wem, äußert Bedenken: "Owwer gell, Vedder, nemm fei kan vo uns!" Denn auch der Vetter hätte sich lieber ein Loch durchs Knie bohren lassen, als an den eigenen Bäumen zu freveln.

Heilgabend. Fromm sitzt jeder in der guten Stube. Schüsseln mit Butterzeug, Mandelplätzchen, Stollen auf dem Tisch, am genutzten "Bamm" brennen Kerzen, zum Abendessen gibts „Broutwerscht". Sie gehen zur Kirche, einträchtig, Neubürger, Arbeiter, Bauern, und Außenseiter, die sonst keinen Fuß hineinsetzen, die Dorfkirche brechend voll - einmal im Jahr schlägt ein unerklärliches Heimweh zu.

Lange Winterabende, von denen heute nicht einmal mehr erzählt wird. Nur die ältesten Leute können sich noch erinnern an die "Rockerschtu' m", die Spinnstube reihum, voll der grauslichsten Spuk- und Schauergeschichten, Verleumdungen, Witze, voll Bosheit, Gelächter, Streichen, abergläubischer Ängste, Kuppelei und Heimlichkeiten, die Krimistunde der Urgroßeltern.

 

Vorbei wie eine steinzeitliche Entwicklungsstufe, fern und fremd wie die Bärenhäute der Vorfahren in den Augen der Jungen. Der Burschen mit Sturzhelmen auf Mopeds, Motorrädern, die Mädchen in grellbunten Hosen, die Lippenstift, Make-up hantieren, zum Friseur gehn, die Haare lang und offen tragen, wie die Burschen, die scheinbar nie zum Friseur gehn, die sich abends in der Diskothek treffen, rauchen, Cola trinken, nicht mehr den Ruch der Tiere, die animalische Ausdünstung der Ställe auf der Haut, unter der Haut.

Nicht wissen, was das ist: Rauhnächte, Unternächte, Hullnächte zwischen Heiligabend und Heiligdreikönig, wenn die Zeitläufe einander undbarmherzig die Jahre in die Hand geben, die heidnischen Nächte der Frau Holle, des wilden Heeres, die schon viel eingebüßt haben von ihren aberglaubenumwitterten Schrecken. Weisheiten der Kalendermänner: Helle Unternächt`, finstere Scheunen, finstere Unternächt, helle Scheunen. Vorbedeutung für die zwölf Monate: Träume gehn in Erfüllung, die schönen, die bösen leider auch. Fantasie, bizarr wie die eilig ziehenden Wolkengebilde des Nachts, weiß um die Rache zornbebender Unholde falls frischgewaschene Taschentücher ihre Pferde scheu machen. Wer draußen Wäsche aufhängt, hängt das Fell seiner Tiere hinaus.

Daher setzen sie hier die Waschmaschinen mit einem frischfröhlichen Weißmacher in Gang, schleppen Hemden, Schürzen, Strümpfe auf den Dachboden, was die alten Götzen stillschweigend erlauben, denn immer lassen die Über- und Unterirdischen ein Hintertürlein zum Durchschlüpfen offen.

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Und wieder Lichtmeß

 

Schon bald steht wieder ein Tag im Kalender, Lichtmeß, und keine Dienstboten wandern. Derselbe Kreislauf, Generationen hindurch führt über neue Stationen: Technisierung, Industrialisierung. Möglichkeiten, die ohne Zögern von den Jungen ergriffen werden: Weiterführende Schulen, Berufsausbildung, ein unwiderstehlicher Mahlstrom trägt sie in Fabriken, Warenhäuser, Büros.

Mancher Hoferbe sucht vergebens nach einer Frau, wird alt über dem Warten, findet keine. Keine, die bereit wäre, das auf sich zu nehmen, Haushalt, Kinder, Feldarbeit, Stallarbeit, für den größten Teil des Jahres die 80-Stunden-Woche. Die stärkste Anziehungskraft geht vom leichteren, schnelleren Verdienst aus, geregelte Feierabende, Feiertage, gesicherten Sozialleistungen - um den Preis, nicht mehr sein eigener Herr zu sein.

Faszination des Urlaubs. Die Alten schütteln sich beim Gedanken an die Balearen, Ägäis, den Golf von Neapel, nicht so weit fort, bewahre. Ihnen genügt eine Tagesreise im Omnibus, und wenn sie heimkommen, stellen sie fest: "Schöi is dou scho - owwer derhamm Is am schennstn!"

 

Gesendet vom Bayerischen Rundfunk - Studio Franken

 

Am 02. 02. 1975 (= Lichtmeß)

 

In der Sendereihe: Vom Main zur Donau:

 

Landschaft Franken -

Ländliches Franken

 

 

Bearbeitet und Illustriert im Juli 2008

Alfred J. Köhl

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Bauernarbeit im Jahreslauf