Am 4. Dezember 1971 fand die Einweihung des neuen Schulgebäudes statt:
Die Ansprache des Direktors:
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Der Weg, den dieser Schlüssel heute hier genommen hat, ist in einem gewissen Sinne charakteristisch. Vielerorts ist es eine ebenso vielgeübte Praxis, daß diejenigen, die in einem solchen Schulgebäude gediegene und erfolgreiche Arbeit leisten sollen, erstmals mit der Schlüsselübergabe mit ihm in Berührung kommen. Bauherren und Planer fällen von der ersten bis zur letzten Stunde alle Entscheidungen unter sich allein. Eines Tages wird die Schule mit klangvollen Worten übergeben. Die Lehrer müssen dann häufig zusehen, wie sie mit den sicher gutgemeinten, doch in vielen Kleinigkeiten widrigen, neuen Verhältnissen zurechtkommen. Es gibt zwar höchste Baurichtlinien, an die sich Bauträger und Architekt zu halten haben. Doch diese sind nicht in allen Belangen von gleich hoher Einsicht in die Zweckmäßigkeit bestimmt. Außerdem berühren sie wenig die sogenannten Kleinigkeiten, die weitgehend das Wohlbefinden, Wirken und Arbeiten von Lehrern und Schülern beeinflussen.
Der in Leerstetten-Schwand eingeschlagene Weg war von Anfang an ein anderer. Schon zu der Diskussion über die Auswahl unter mehreren Bauentwürfen wurde die Lehrerschaft zugezogen. Im Laufe der Bauzeit wurde die gegenseitige Fühlungnahme immer enger. Sie wuchs zu einer ständigen Zusammenarbeit zwischen dem Schulverband, den Architekten und der Schulleitung.
Viele der zitierten "Kleinigkeiten" konnten so auf unsere Anregungen hin weggelassen, geändert oder eingefügt werden. Das sogar dann, wenn sie mit zusätzlichen Kosten verbunden waren. Für dieses der Lehrerschaft entgegengebrachte Vertrauen und große Verständnis möchte ich den Herren des Schulverbandes, voran dem 1. Vorsitzenden, Herrn Bürgermeister Kohl, und den Herren Architekten Kleinlein und Pöhlmann sen. und jun. recht herzlich danken.
Die Übergabe des Schlüssels an mich hat symbolische Bedeutung, nämlich die der Übergabe der Verantwortung. In einfache Worte gefaßt, heißt das etwa: „ Der Schulverband-Leerstetten-Schwand hat unter großen Opfern und mit viel Mühen günstigste Voraussetzungen geschaffen. Nun, ihr Lehrer, tut auch ihr euer Möglichstes zum Wohle und Fortkommen der diese Schule besuchenden Kinder!"
Nun, unsere Schule hat bisher bereits einen recht guten Ruf gehabt. Er ist unter ungünstigen Verhältnissen errungen und unter äußerst beengten, bedrückenden und schwierigen gehalten worden. Dieser Ruf verpflichtet. Ich kann Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, im Namen meiner Kollegen versichern, daß wir alles daransetzen werden, die vielen uns nun zur Verfügung stehenden Möglichkeiten in höchstem Maße zu nützen. Die gediegene Schulanlage wird uns dazu immer neu beflügeln.
Eines sei allerdings nicht verschwiegen: Wir haben eine moderne, ansprechende Schulanlage. Nun gilt es, sie auch noch mit den Lehrmitteln auszustatten, die der gewandelte, neuzeitliche Unterricht fordert und zunehmend immer mehr fordern wird. Ich will damit nicht die bereits erbrachten Leistungen schmälern. Sie sind in den Spezialgebieten Handarbeiten, 'Werken, Naturlehre und Leibeserziehung vorbildlich. Doch für den "konventionellen Unterricht", wenn ich einmal so sagen darf, besteht noch ein großer Nachholbedarf. Sicherlich lassen sich hier nicht alle unsere Wünsche auf einen Schlag erfüllen. Ich bitte die verantwortlichen Herren des Schulverbandes nur herzlich darum, uns wegen anderer wichtiger und dringlicher Vorhaben den finanziellen Hahn nicht ganz zuzudrehen.
Über diesem Ruf nach Lehrmitteln, die uns Lehrer befähigen sollen, die Ausbildung unserer
Kinder der immer zunehmenden Rationalisierung und Technisierung anzupassen, wollen wir alle aber eines nicht vergessen: Rationalisierung und Technisierung sind nur eine Seite des Lebens. Mindestens gleich wichtig erscheint mir die andere, die menschliche. Wir müssen für uns und die nach uns Kommenden viel mehr tun als bisher, um der Technik Herr zu bleiben.
Deshalb ist die reine Wissensvermittlung in der Schule auch nur eine Seite unserer Aufgabe. Vernachlässigen wir ihretwegen nicht die Erziehung unserer Kinder zu toleranten, rücksichtsvollen und einsichtigen Menschen!
Beides - Wissensvermittlung und Menschenbildung - wird uns leichter fallen , wenn es uns trotz aller uns bedrängenden Hast, Hetze und Unrast gelingt, unser Schulleben nach dem Worte Jean Pauls auszurichten: Heiterkeit oder Freudigkeit ist der Himmel, unter dem alles gedeihet, Gift ausgenommen.
Gereimtes von Richard Eder, HL, Leerstetten:
Das n e u g e b o r e n e S c h u l h a u s spricht!
Herzlich willkommen, ihr lieben Gäste,
die ihr erschienen zum Einweihungsfeste!
Herzlich willkommen, ihr Lehrer und Kinder!
Euch zahlende Bürger grüß ich nicht minder!
Für Lehrer und Kinder, die hier zur Schule gehn
und - zu ihrem Kummer - mich täglich sehn,
für sie bin ich heute kein Augenschmaus,
sondern vielmehr ein lästig - alltäglich Haus.
Ihr Gäste aber, die ihr mich erstmalig seht,
ich glaub, daß ihr alle staunend gesteht:
"Ein Kerlchen, wie dies, so stramm gebaut,
haben wir wahrlich noch selten geschaut!"
Dabei hat mit das Schicksal nichts erspart,
bis ich endlich geboren ward.
Nein, es war wirklich gar nicht leicht,
bis ich das Licht der Welt erreicht.
Das fing schon mit der Verbandsehe an!
Von wahrer Liebe war da nichts dran.
Mama Leerstetten und Papa Schwand
große Zuneigung nie recht verband.
Die Verbandshochzeit --- ohne Sympathie,
der Schulnot gehorchend, schloß man sie.
Der Ehebund war noch nicht vollzogen,
da gingen schon hoch die Wogen.
An der Frage, wo ich zur Welt kommen soll,
entzündete sich ein böser Groll.
Papa Schwand schrie immer stur:
"Die Wiege steht in meiner Flur!"
Die Mama rief: "Das wäre gelacht,
bei mir wird das Kerlchen zur Welt gebracht!"
Gibst du nicht nach", schrie Papa verpicht,
,,dann bleib ich allein und heirat dich nicht!"
Dagegen Mama: "Bleib doch allein, ich bin fein heraus,
ich hab ja ein neues Volksschulhaus.
Und dann, wenn meine Moneten nicht wären,
du allein kannst ja so ein Kind nicht ernähren!"
Im stillen Kämmerlein aber klagt Mama ganz leise:
"Das ganze ist doch eine richtige Sch .... ande!
Treulos versetzte ich Großschwarzenlob,
diese alte Liebe, und nun gehts mir so!"
Zum Schluß hat dann Mama doch nachgegeben.
Ein Glück - sonst wär ich gar nicht am Leben!
Ja, ja, ihr Gäste, auch für euch wärs heute aus
mit freier Zeche und festlichem Schmaus!
Und dann, bei meinem Namen - ach
gabs schon wieder Ehekrach.
"Schwand - Leerstetten" schrie Mama empört,
die Reihenfolge ist unerhört!
Ich find es einfach allerhand,
daß immer vorndran der Papa Schwand!"
Und dann hat Mama ganz raffiniert
mit der Buchstabenreihenfolge argumentiert:
"Schon ein Erstkläßler weiß, daß im Alphabet
das 'L' viel weiter vorne steht!"
Ob das stimmt - hat die Regierung scharf nachgedacht
und - zum erstenmal in ihrem Leben - etwas falsch gemacht.
Von Mamas Logik überzeugt und belehrt,
taufte sie mich - postalisch - verkehrt.
Denn nun trägt die Post, die an mich gesandt
immer die Aufschrift Leerstetten-Schwand.
Und Sendungen, die für mich hier gedacht,
werden von der Post schön brav nach Leerstetten gebracht.
Ich meine, die Sach wär am schönsten bereinigt,
wenn man sich auch noch gemeindlich einigt!
Lebten meine Eltern mal in Frieden
wurde prompt von außen neuer Ärger beschieden.
Der Bauplan verworfen - der Stahlpreis gestiegen!
Meine dauernde Angst, das Geld könnt versiechen!
Ich könnte manch garstig Liedlein singen!
Ich will nicht. Halt - eins muß ich doch noch bringen:
Wir waren gerade im schönsten Bauen,
da wollte man mir glatt die Oberstufe klauen!
Als Vollschule - war ich einst erdacht,
zur Grundschule - hätte man mich kurzerhand gemacht.
Da hättet ihr meine Eltern aber sehen sollen,
vergessen war alles Grollen und Schmollen.
Wie e i n Mann standen Schwand und Leerstetten
und konnten so die Teilhauptschule retten.
Ja, ja, in solchen Schreckenstagen
haben sich Mama und Papa immer gut vertragen.
So ein Tiefschlag von außen ist doch manchmal ganz gut,
er dämpft den eigenen Übermut!
Schrecklich war auch die lange Zeit
bis mit mir es endlich war soweit!
In Käthe Strobels Sexualatlas sehen wirs ja,
in 9 Monaten ist so ein Baby da.
Manchmal ist etwas schneller der Spurt,
dann sprechen wir schlicht von Frühgeburt.
Also - sind neun Monate vorbei,
tut so ein Baby den ersten Schrei.
Auch sprach ich vorhin von früherem Spurt.
Ich - - - ich war eine richtige Spätgeburt.
Zweieinhalb Jahre flossen dahin,
bis ich endlich geworden bin!
Zweieinhalb Jahre hat es gedauert,
bis man mich endlich aufgemauert!
Nun ist ja Zeit nicht immer gleich Zeit!
Trübe Stunden dünken uns eine Ewigkeit.
Ist die Zeit erfüllt mit heiterem Sinn,
flieht sie doppelt rasch dahin.
Für mich waren die zweieinhalb Jahre leider wie wir merkten - nicht sehr heiter!
Oft fühlten sich meine Eltern gesundheitlich nicht fit,
da leidet natürlich so ein Baby mit!
Die T i e f k ü h l l i e b e von den beiden
führte laufend zu- Erkältungsleiden:
Hat man ein so strittig Hühnchen gerupft,
war eins von beiden bestimmt - verschnupft!
Und hatte das so - die Nase voll,
dem andern vor Ärger die Leber schwoll.
Der Mama lief manchmal die Galle über,
der Papa bekam vor Ärger Fieber.
Ach - wie oft - haben beide auf mich gehustet
und hätten mich am liebsten fortgepustet.
Würde es den Paragraph 218 nicht geben,
ich glaub, ich wäre heut gar nicht am Leben!
Doch nun bin ich da, nun stehe ich hier,
meinen Eltern zur Freude, zur Ehre und Zier!
Nun ist es im Leben ja oftmals so,
daß Eltern erst so richtig froh
und miteinander glücklich sind,
wenn in ihrer Mitte ist ein so hübsches Kind.
Drum Mama Leerstetten und du Papa Schwand
reicht euch in mir die Hand.
Vergeßt den Schlachtruf: Hie Schwand - hie Leerstetten!
Schließt um uns der Freundschaft goldener Ketten.
Daß ich, euer Werk, euch friedlich vereine,
daß die Sonne der Eintracht über uns scheine,
das wünscht aus tiefstem Mauergrund
euch euer Schulhaus! –
- - Jetzt halt ich den Mund!
Schwanstetten im Mai 2025
Alfred Köhl
| Anhang | Größe |
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| 1971_12_07 Wiege für das Leben der beiden Gemeinden.pdf (142.87 KB) | 142.87 KB |