Evang.-Luth. Pfarrhaus

Standort

Further Straße 1 Leerstetten
90596 Schwanstetten
Deutschland
49° 19' 26.0076" N, 11° 7' 26.7888" E
DE

Evangelisch-Lutherisches Pfarrhaus

Neubarocker Sandsteinquaderbau 1906/08.

 

Der Hausherr, Pfarrer Wilfried Vogt berichtet:

In der Mitte des alten Dorfkerns, an der Abzweigung der Further Straße von der Hauptstraße, steht das neubarocke, 1906 bis 1908 errichtete Pfarrhaus, in dem auch das Pfarramtsbüro untergebracht ist. Es mutet wie ein kleines Schlösschen an und ist nach der Außenrenovierung ein Schmuckstück geworden.

Pfarramt Leerstetten: Further Straße 1, 90596 Schwanstetten. Telefon: 09170/8373, Telefax: 09170/8376, Email: pfarramt@evangelisch-in-leerstetten.de , Homepage: www.evangelisch-in-leerstetten.de
Pfarrhaus von der Straße aus gesehen

 

Aus der Denkmalkartierung der Gemeinde:

Situation:

Das repräsentative, zweigeschossige Pfarrhaus steht, von einem Garten umgeben, an der "Hauptstraße"/ Ecke- "Further Straße". Es ist nach Südwesten, zur Straße hin ausgerichtet und dominiert durch seine Größe und seine malerische Anlage die dortige städtebauliche Situation. Die großzügige, villenartige Planung und die künstlerische Anlage dokumentieren den Anspruch, der durch das Haus vermittelt werden soll. Es ist daher ein bedeutsames architektonisches, städtebauliches und sozialhistorisches Dokument.

Datierung:

Die Erbauungszeit ist überliefert: 1906 war Baubeginn. Am 1. Juni 1908 stellt der Bauherr, der königlich bayerische Pfarrer Johann Ludwig Baum, die Fertigstellung fest. Der Bau wurde für 37000 RM erstellt. Dazu gehörte noch ein kleiner Stall und eine Holzlege, die heute nicht mehr erhalten sind. Daneben geben die malerische Anlage der Architektur, die Art der Eckrustika und Zierornamente wie neobarocke Voluten sichere Hinweise auf die Entstehungszeit, wie dies auch die Türen, Treppen und Räume im Inneren des Hauses vermitteln. Die Datierung der Liste gibt die mögliche Datierung bereits präzise wieder.

 

Pfarrer Fohrn berichtet uns dazu:Nebengebäude
Die Bemerkung „Stall und Holzlege, die heute nicht mehr vorhanden sind" ist grundfalsch.
Unter den Nebengebäuden
fehlt das Waschhaus mit angebautem Backofen (in gutem Zustand erhalten! Der Backofen wäre funktionsfähig, wenn der vorhandene (allerdings 1985 gegen meinen Willen auf Anordnung des damaligen Landbauamtes Nürnberg (heute: Staatliches Hochbauamt" errichtete) Betondeckel, wieder entfernt würde.
Stall und Holzlege sind noch vorhanden und in gutem Zustand. Den Stall ließ freilich Pfarrer Plesch, der als einer der ersten im Dorf ein Kraftfahrzeug fuhr, in den dreißiger Jahren auf eigene Kosten in eine Garage umbauen. Die Genehmigung dazu erbat er beim Landeskirchenrat in München und erhielt sie unter der Voraussetzung, dass er sich schriftlich dazu verpflichtete, die Garage wiederum auf eigene Kosten in einen Stall zurück zu bauen, falls sein Nachfolger wieder einen Stall benötigen würde. Stall und Holzlege sind aber noch wie damals. Der (übrigens aus heutiger Sicht köstliche) Schriftwechsel ist in den Pfarramtsakten nachzulesen und ein Schmankerl Leerstettener Historie oder ein Beleg für die „Weitsicht" der Kirchenleitung

 

Geschichtlicher Zusammenhang:

Das Gebäude nimmt die Lage eines Vorgängerbaus auf. Damit beruht die von der Straße zurückgezogene Lage des Pfarrhofs auf einer historischen Grundlage. Er scheint schon längere Zeit vorher von der Kirche wegverlegt worden zu sein. Auf dem Urkataster von 1832 ist südlich an das Langhaus der Kirche ein langgestrecktes Gebäude unmittelbar an die Kirche angefügt, das einen Vorläufer des Pfarrhofs darstellen kann. Belegbar ist diese Vermutung derzeit nicht.

Pfarrer Fohrn berichtet uns dazu:
Die Vermutung, dass einmal neben der Kirche ein Pfarrhaus gestanden habe ist nicht zutreffend. 1703 wurde dort ein Schulhaus errichtet, 1835 abgebrochen und durch ein neues, das jetzige Gebäude gegenüber, ersetzt.

Das Pfarrhaus ist im 30jährigen Krieg abgebrannt, wurde aber wieder neu errichtet.
Das Pfarrhaus liegt, wie auf dem zu meiner Zeit im Windfang hängenden Bild des Vorgängerbaus zu erkennen ist, nicht genau auf dessen Lage errichtet, sondern es wurde - entgegen der ursprünglichen Planung - um 1 m nach Osten verschoben.

Wann der Vorgängerbau errichtet wurde kann ich nicht sagen; ich gehe aber davon aus, dass der auf dem Urkataster an die Kirche anschließende Bau nicht das Pfarrhaus, sondern eine Schule und damit der Vorgängerbau des heutigen Evangelischen Gemeindehauses ist.

 

Baugeschichte:

1906-1908 erbaut;

Postkartenansicht

 

Auf alten Postkarten von Leerstetten ist ein zusätzlicher Erker zu erkennen, der aber wieder zurückgebaut wurde.(Wann dies geschah ist uns noch nicht bekannt).

 

1967 Einbau von Heizöltanks im Keller. 1984 ausgiebige, schonende Sanierung des Hauses.

 

Beschreibung:

Das Pfarrhaus wird über seine Langseite von Südwesten erschlossen. 

Außen:

Das zweigeschossige Gebäude über querrechteckigem Grundriss ist etwas von der Straße zurückgezogen. Es ist ein malerisch angelegter, villenartiger Bau, der von der hiesigen Architektur weitgehend abweicht. Nicht nur sein hohes Walmdach unterscheidet ihn von den anderen Gebäuden, sondern auch die architektonische Grundanlage, die sich einer gewollten, dekorativen Gliederung unterwirft. Die Formensprache hat ihren Ursprung in der Diskussion um sog. malerische Architektur, die im ausgehenden 19. Jh. geführt Gartenansichtwurde und Bauten wie das Müller´sche Volksbad oder das Bayerische Nationalmuseum in München hervorgebracht haben. Die Architektur gibt durch zitathafte Anfügungen vor, in unterschiedlichen Bauphasen entstanden zu sein, wie es das merkwürdige Herauskragen der Erdgeschoßmauer auf der Seite des Treppenerkers und dieser selbst bezeugt. Ebenso unmotiviert erscheint der kleinere Erker auf der südöstlichen Hausseite. Die Ansicht des Gebäudes ist auf die Gliederungselemente der Rustika angelegt, die den Sockelbereich, das Fenster des Amtszimmers und die Hausecken dekoriert. Die regelmäßige Fensterzone des OG, die durch flankierende Läden bandartig betont wird, bildet den beruhigenden Gegensatz zu dem bewegten EG, das durch die mittige, architektonisch betonte Haustür und die unterschiedlichen Fenstergrößen belebt wird.

Innen:

Das Innere des Hauses wird über einen kurzen Windfang erschlossen der in einen zentralen, großen Flur mündet, um den alle Räume angeordnet sind. Man merkt dem Grundriss an, dass er von der Außenansicht abgeleitet worden ist. Der Windfang erschließt die hauptfassadenseitigen Räume, Büro und Amtszimmer, und trennt sie von dem rückwärtigen Wohnbereich, in dem Küche mit Speis und zwei Zimmer untergebracht sind. Das OG wird über eine hölzerne, gegenläufige Treppe mit Wendepodest erschlossen, wobei die Geschosse nicht durch Türen getrennt sind. Es nimmt den Grundriss des EG auf. Hier befinden sich die eigentlichen Wohnräume, wie Wohnzimmer und Schlafzimmer. Das DG mit einem offenen Dachstuhl wird über die Fortsetzung der Treppenanlage erreicht. Ausstattungsdetails: Hölzerne Podest-Wangentreppe vom EG zum DG. Die Treppe ist komplett erhalten; das Geländer mit breiten, ornamentalisierenden Stäben wirkt sehr fortschrittlich und erinnert an die Formensprache Olbrichs.

Konstruktion:

Aufgehendes Mauerwerk auf Sandsteinsockel. Darauf setzt Backsteinmauerwerk auf; lediglich an manchen Stellen dekorative Sandsteinrustika und -voluten. Geschosslage auf Balken: Flur im 1. OG mit Hohlkehle. Die Böden sind insgesamt Riemenböden; Ausnahme: Flur EG Eingangsbereich und Küche

Dachstuhl:

Zum kleinen Teil stehender Pfettenwalmdachstuhl; zum überwiegenden Teil als Sparrendachstuhl mit Hängewerk ausgebildet. Die Balken sind alle verzapft mit Holznagelsicherung, zum Teil mit großen Eisenschrauben (Hängewerk), gesägt, alle Teile gehören zum originalen Bestand. Das Walmdach ist mit Rundschnittbibern doppelt gedeckt.
Türen und Fenster:
Originaler Bestand an Fenstern und Türen: Fenster sind uneinheitliche Sprossenfenster. Zum größten Teil sind sie zweiflügelig mit acht Sprossenfeldern. Zum anderen Teil der malerisch ausgelegten Architektur angepasst wie im Büro; wo eine größere horizontale Fensterfläche durch ein vielfach gebrochenes Sprossenfeld als Oberlicht bekrönt wird. Auch Türen und Türstöcke sind entstehungszeitlich. Die Türgewände sind glatt geschnitten und werden durch einen massiven, segmentgebogenen Sturz abgeschlossen. Beschläge und Kasettenschlösser sind ebenfalls original.

Nutzung:

Wird wie ursprünglich als Wohnhaus der Pfarrerfamilie genutzt, wobei im Erdgeschoss Büro, Archiv etc. untergebracht sind.

Erhaltungszustand:
Nach Renovierung 1985 sind keine Mängel feststellbar.
Zu dieser Renovierung berichtet uns Pfarrer Fohrn, der damalige Hausherr:
Die Bausumme betrug - falls mich mein Gedächtnis nicht allzu sehr täuscht - rund eine dreiviertel Million Mark. Trennung zum Wohnbereich erst seit dem letzten Umbau. Früher war das Amtszimmer des Pfarrers im jetzigen Büro, dann wurde gegenüber eine Tür gebrochen und dort das Amtszimmer eingerichtet, wo es jetzt auch ist. Früher war das noch Wohnzimmer.


Ich habe mich darum bemüht, in der Tat Fenster und Türen zu erhalten, Dennoch musste einiges ausgetauscht und verändert werden.
 

Quelle: Denkmalkartierung 1995 der Marktgemeinde Schwanstetten, Autor: M.A. Hermann Schubach

Die kursiven Anmerkungen stammen von Pfarrer i.R. Klaus Fohrn, der von 1984 bis 2006 Pfarrer in Leerstetten und somit Bewohner des Pfarrhauses war.

Weiterführende Literatur siehe: Literaturverzeichnis

Schwanstetten im Oktober 2007, überarbeitet im März 2012

Alfred J. Köhl

 

Strassenansicht_2012

 

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Das 1906 - 1908 errichtete Pfarrhaus in Leerstetten